In einer Welt, die sich rasant in die Retrospektive verändert, in einer Welt, die hart erkämpften Rechte und Freiheiten in Frage stellt, sollte man, als Teil der Gemeinde Schule kurz innehalten und überlegen: Welches Frauenbild haben wir an der Schule, wie verstehen wir Gemeinschaft, Gleichberechtigung, Individualität, Respekt, Selbstbestimmung und Freiheit?

ICH BIN EINE FRAU

von Nasia Papadopoulou-Poth

Ich bin eine Frau.

Ich habe früh gelernt, abends nicht allein unterwegs zu sein, dunkle Ecken der Stadt zu meiden, den Wald nicht nach Einbruch der Nacht zu betreten. In Clubs halte ich mein Getränk fest bei mir und auf die Toilette dort gehe ich besser nicht allein, sondern mit meiner besten Freundin. Gefällt mir das?

Ich bin eine Frau.

Ich bin es gewohnt, dass Männer mir hinterherrufen, wenn ich allein durch die Stadt laufe. Finde ich es angenehm?

Ich bin eine Frau.

Ich bin kein ängstlicher Mensch, eigentlich sehr mutig. Dennoch weiß ich, dass für mich die Gefahren viel größer sind als für meinen männlichen Bruder. Muss ich damit leben?

Ich bin eine Frau.

Ich bin öfters angegriffen, belästigt oder einfach begafft worden als jeder Junge, den ich kenne. Ich betrachte es inzwischen als normal. Ist es das?

 

Ich bin eine Frau.

Selbstverständlich kleide ich mich gerne luftig, wenn es heiß ist, kurze und offene Kleidungsstücke sind dann gerade richtig. Ich mag meinem Körper und finde an mir nichts problematisch. Das Problem sind die Anderen.

Ich bin eine Frau,

und deshalb möchte die Gesellschaft mich schützen. Ich bekomme konkrete Anweisungen und Ratschläge, um sicherer zu leben: ich soll nicht provozieren. Meine Kleidung soll am liebsten alles gut bedecken, was mich von Männern unterscheidet und noch mehr. Meine Beine, mein Bauch, geschweige mein Dekolleté und mein Hintern sind allein durch ihre Existenz provokante Tatsachen. Etwas davon zur Schau zu stellen, sei unangemessen. Ist es die Lösung?

Ich bin eine Frau.

Ich habe keine Angst meine Stimme zu erheben und mich durchzusetzen.

Ich sage offen meine Meinung, bin aktiv, dynamisch, selbstständig. Ich stehe zu meiner Sexualität und brauche keine Bestätigung von außen, um zu wissen, dass ich es wert bin. Ich verstehe die Begegnung mit anderen Geschlechtern als gleichberechtigt, auf Augenhöhe. Ich akzeptiere nicht die Dämonisierung meines Körpers. Ich verlange eine sexuelle Umerziehung, die mich nicht als Objekt betrachtet. Ich verlange einen Blick, der mich nicht verstellt, um mich harmlos zu machen. Ich bin keine Gefahr, das tradierte, patriarchalische System, was mich neutralisieren und unterjochen möchte ist die Gefahr.